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Fachkräftemangel · Statistik

Was die 22,7 Prozent wirklich bedeuten

Von Dirk Fuhrmann · ca. 5 min Lesezeit

22,7 Prozent der Betriebe melden aktuell fehlende Fachkräfte. Das ist laut ifo-Institut der niedrigste Wert seit fünf Jahren, deutlich unter dem Niveau von 2019. Auf den ersten Blick eine gute Nachricht für jeden, der im Handwerk oder in KMU Personal sucht. Bei genauerem Hinsehen ist die Zahl vor allem eins: missverständlich.

Woher die Zahl kommt

Der Rückgang hängt eng mit der schwächeren Konjunktur zusammen. Weniger Aufträge bedeuten weniger akuten Personalbedarf, und weniger akuten Personalbedarf bedeutet weniger gemeldete Engpässe. Das ifo-Institut selbst weist darauf hin, dass neben der konjunkturellen Schwäche auch der zunehmende Einsatz von KI zur aktuellen Entspannung am Arbeitsmarkt beiträgt.

Beide Faktoren sind vorübergehend oder betreffen bestimmte Tätigkeitsbereiche, nicht die grundsätzliche demografische Lage. Die Zahl 22,7 Prozent beschreibt also einen Zustand, keinen Trend.

Zum Vergleich: 2019, vor der Pandemie, lag der Wert deutlich höher, obwohl die demografische Ausgangslage damals günstiger war als heute. Wenn dieselbe Kennzahl heute niedriger ausfällt, obwohl die strukturellen Bedingungen sich verschlechtert haben, liegt der Grund nicht in einer Lösung des Problems, sondern in einer veränderten Nachfrage.

Was die Zahl nicht zeigt

Sie zeigt nicht, wie viele Betriebe aktuell einfach keine Neueinstellungen planen, weil das Budget fehlt, nicht weil kein Bedarf besteht. Der Anteil der Betriebe ohne aktuellen Personalbedarf stieg laut DIHK von 44 auf 48 Prozent, ein deutliches Signal für zurückhaltende Investitionsplanung, nicht für gelösten Fachkräftemangel.

Sie zeigt auch nicht die Branchenunterschiede. Während die Gesamtzahl sinkt, bleiben Bau mit 30,4 Prozent und Transport mit 30,6 Prozent der Betriebe weiterhin stark betroffen. Gesundheit und Pflege sind von der allgemeinen Entspannung praktisch unberührt.

Eine bundesweite Durchschnittszahl gleicht solche Unterschiede automatisch aus. Für einen Pflegedienst oder einen Bauunternehmer ist die 22,7 Prozent daher praktisch irrelevant, weil die eigene Branche von einer ganz anderen Ausgangslage betroffen ist als der statistische Durchschnitt.

Der Denkfehler bei dieser Zahl

Wer 22,7 Prozent liest und daraus schließt, das Thema Fachkräftesicherung habe an Dringlichkeit verloren, verwechselt eine konjunkturelle Momentaufnahme mit einer strukturellen Verbesserung. Warum diese Verwechslung so teuer werden kann, zeigen wir im Beitrag Warum Ihr Handwerksbetrieb schon jetzt planen muss.

83 Prozent der Unternehmen erwarten laut DIHK weiterhin negative Folgen durch den Fachkräftemangel in den kommenden Jahren. Diese Erwartung passt nicht zu der Vorstellung, das Problem sei im Rückgang begriffen.

Auch die Erwerbslosenstatistik liefert einen Hinweis: Ein großer Teil der Erwerbslosen und der Stillen Reserve bringt bereits eine passende Qualifikation mit. Die Fachkräfte fehlen also seltener grundsätzlich, sie werden vor allem nicht erreicht.

Was Sie stattdessen im Blick behalten sollten

Statt der Gesamtquote lohnt sich der Blick auf die eigene Branche und die eigene Altersstruktur im Betrieb. Wie hoch die tatsächlichen Kosten einer unbesetzten Stelle in Ihrem Betrieb sind, können Sie mit unserem Verlustrechner nicht besetzter Stellen überschlagen.

Für die eigene Planung zählt die Branchenzahl und die Altersstruktur im Betrieb mehr als die bundesweite Quote.

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